Rapunzel lag auf ihrem samtbezogenen Sofa, das perfekt ins ästhetische Farbschema ihres Turmzimmers passte, und starrte an die Decke. Draußen schien die Sonne, die Vögel zwitscherten, das Königreich lebte sein Leben – und sie war hier. Wieder mal.
Sie seufzte und griff nach ihrem Handy. WLAN? Check.
Likes? Weniger als erwartet.
Mentale Stabilität? Fragwürdig. Sie scrollte durch ihren Feed. Andere Influencer reisten durch die Welt, aßen in hippen Cafés, machten Fotos in schicken Städten oder exotischen Stränden. Und sie? Sie postete zum hundertsten Mal ein Selfie am selben verdammten Turmfenster. Hashtag #Turmleben. Hashtag #AestheticIsolation. Hashtag #BitteHoltMichHierRaus. Sie wusste nicht mal mehr, ob sie das sarkastisch meinte oder nicht. Ein goldener Käfig mit guter Beleuchtung Es war ja nicht so, dass ihr Leben schlecht war. Ganz im Gegenteil. Sie hatte alles, was man sich wünschen konnte – eine riesige Followerschaft, Luxusprodukte, jeden erdenklichen Beauty-Artikel, den neuesten Technikkram, perfekte Beleuchtung für ihre Livestreams. Aber sie durfte nicht raus. »Rapunzel, meine Liebe«, hatte Gothel ihr immer wieder erklärt, »dein Zauber liegt in deiner Exklusivität. Sobald du dich unters Volk mischst, bist du nichts Besonderes mehr. Deine Mystik macht dich zur Legende.« Legende? Sie fühlte sich eher wie ein dekoratives Möbelstück. Manchmal fragte sie sich, ob ihre Fans überhaupt glaubten, dass sie echt war. Theoretisch könnte sie auch ein hochkomplexes KI-Modell sein, eine virtuelle Persona, erschaffen für maximale Klicks. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es keinen Unterschied machen würde. Solange die Inhalte stimmten, war den Leuten egal, ob hinter dem Bildschirm ein echter Mensch saß oder ein Marketing-Team mit zu viel Koffein. Rapunzel stand auf und lief im Zimmer auf und ab. Es musste doch eine Möglichkeit geben, hier rauszukommen. Die Tür? Natürlich abgeschlossen.
Das Fenster? Viel zu hoch.
Der berühmte Haartrick? Vergiss es. Sie hatte es mal ausprobiert, als Gothel nicht da war. Fazit: Ein Knoten im Nacken, fast abgestürzt, absolut untauglich. Sie hatte schon überlegt, einen viralen Hilferuf zu starten. Ein TikTok mit der Caption: »300k Likes und ich breche aus!« Aber sie kannte Gothel. Die Frau war nicht dumm. Sie würde es sofort löschen, bevor es abging. Also blieb sie gefangen – nicht nur im Turm, sondern im System. #FreePunzel oder doch lieber viral? Rapunzel öffnete ihre Nachrichten. Tausende Follower schrieben ihr täglich, aber eine Nachricht blieb an ihr hängen: @RealWorldRobin: ›Bist du eigentlich wirklich frei?‹ Rapunzel stockte. Das war nicht die übliche Fan-Nachricht. Kein Kompliment, keine Frage nach ihrer Haarroutine, kein verzweifeltes »Bitte notice me«. Nur diese eine Frage. Sie tippte eine Antwort, löschte sie wieder. Was sollte sie sagen? Natürlich war sie frei. Technisch gesehen. Sie konnte tun, was sie wollte – solange es ins Konzept passte. Und genau da lag das Problem. Sie seufzte und starrte wieder aus dem Fenster. Hashtag #Gefangen. Hashtag #AberImmerhinMitGuterBeleuchtung.
Sponsordeals und Spinnweben
Rapunzel saß an ihrem vergoldeten Schminktisch, der mehr Kosmetikprodukte beherbergte als ein durchschnittlicher Beauty-Store, und ließ ihren Blick über die glänzenden Verpackungen schweifen. Jede einzelne Flasche, jede Creme, jedes Serum war mit einem hübschen kleinen PR-Paket in ihr Leben gekommen – immer begleitet von der freundlichen, aber bestimmten Stimme Gothels: »Liebes, unser neuer Partner erwartet ein bisschen mehr Begeisterung. Sei authentisch, aber nicht zu authentisch, ja?« Authentisch. Ha. Rapunzel nahm eine teure Glasflasche vom Tisch und drehte sie nachdenklich in der Hand. Irgendein Luxus-Haaröl, angeblich mit »echtem Einhorn-Tränen-Extrakt«. Sicher. Sie erinnerte sich an den Dreh für das dazugehörige Sponsoring-Video. Drei Stunden perfektes Lichtsetup, fünfzig Takes für einen simplen Satz – »Dieses Produkt hat mein Haar gerettet!« – und am Ende sah das Video aus, als hätte sie sich gerade frisch aus einem Märchenbuch teleportiert. »Perfekt«, hatte Gothel gesagt. »Verkauft sich wie warme Semmeln.« Rapunzel scrollte durch ihre Inbox. Eine neue Anfrage: »Liebe Rapunzel, wir würden uns freuen, dich als Gesicht unserer neuen Seidenkissen-Kollektion zu gewinnen. Dein Haar ist der Inbegriff von Schönheit und Eleganz – und mit unseren Kissen bleibt es das auch über Nacht!« Sie seufzte. Noch ein Deal. Noch ein Produkt, das sie nie benutzt hatte, aber in die Kamera halten sollte, als wäre es ihr Lebensretter. Nicht, dass es schlecht bezahlt wäre. Ganz im Gegenteil. Sie konnte sich mittlerweile wahrscheinlich eine eigene Burg kaufen – mit funktionierender Tür, wohlgemerkt. Aber wofür? Sie durfte den Turm ja eh nicht verlassen. Sie sah zu den dicken Spinnweben in der Ecke ihres Zimmers. Die Ironie war kaum zu übersehen: Hier saß sie, perfekt gestylt, von Luxusmarken umgeben, in einem Raum, der aussah, als wäre er seit hundert Jahren nicht betreten worden.
Vielleicht sollte sie das als neuen Trend verkaufen: »Vintage Tower Chic«. Ein Deal mit Haken Sie stand auf und trat ans Fenster. Weit unten, am Rand des Waldes, konnte sie eine Gruppe junger Leute lachen hören. Echte Menschen, keine perfekt inszenierten Figuren auf einem Bildschirm. Ein Gedanke schlich sich in ihren Kopf. Was, wenn sie einfach… absagte? Was, wenn sie den Seidenkissen-Deal ablehnte? Was, wenn sie ein Statement postete? Etwas Echtes? »Hey Leute, kleines Update: Ich habe keine Lust mehr, euch Scheiße zu verkaufen. Mein Haar sieht so aus, weil ich drei Stylisten habe und einen Vertrag mit einer Hexe, nicht wegen irgendeinem Kissen.« Rapunzel grinste. Sie stellte sich vor, wie Gothel einen Herzinfarkt bekam. Natürlich würde sie es nicht tun. Noch nicht.
Aber irgendwann. Hashtag #NichtGekauft. Hashtag #EchtesLebenWann.
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