Rapunzel wachte auf, als ihr Smartphone vibrierte. Wahrscheinlich ein neuer Kommentar, ein Like, eine Nachricht von Gothel mit den Worten: »Liebes, poste endlich was! Deine Engagement-Rate sinkt!« Sie blinzelte gegen das blaue Licht ihres Displays. 132 neue Benachrichtigungen. Super. Wieder ein virales Video? Oder ein Shitstorm? Bei Social Media wusste man nie. Sie scrollte durch ihre letzten Posts. Ihr Haarpflege-Tutorial hatte wie erwartet gut performt. Die Leute liebten es, wenn sie ihre »natürlich seidige Mähne« präsentierte – was natürlich kompletter Bullshit war. Ohne teure Pflegeprodukte und stundenlanges Styling wäre ihr Haar eine Katastrophe. Aber das durfte niemand wissen. »#WokeUpLikeThis« stand unter ihrem neuesten Bild. Natürlich eine Lüge. Niemand wachte mit perfekt fallenden Locken auf. Niemand. Aber die Leute wollten es glauben, also lieferte sie es ihnen. Rapunzels Tagesablauf war genau geplant. Frühstück? Nur, wenn es fotogen war. Ein Avocado-Toast mit Chiasamen und einem ästhetisch platzierten Kaffee – nicht, weil sie das mochte, sondern weil es gut auf Instagram aussah. Dann ein paar Selfies im Turmzimmer, sorgfältig bearbeitet, damit das Licht schmeichelte und die Wand nicht so trostlos wirkte. »Turmleben, aber make it aesthetic.«
Und dann natürlich der wichtigste Teil des Tages: Das Livestream-Update für ihre Follower. »Hey, meine süßen Lockenköpfe! Heute ein ganz besonderer Tag – ich zeige euch meine absolute Lieblingshaarroutine!« Lächeln. Enthusiasmus. Perfekte Beleuchtung. Natürlich hatte sie ihre Haare vorher schon gestylt. Keiner wollte den echten Prozess sehen – die Knoten, das Ziepen, den Moment, in dem sie fast ausrastete, weil eine Strähne sich nicht bändigen ließ. Nein, die Leute wollten Perfektion. Also gab sie ihnen Perfektion. »Oh mein Gott, dein Haar ist so wunderschön!« schrieb @FairyFan99. »Wie schaffst du es, dass es immer so glänzt?« fragte @RoyalStylist. »Sind das Extensions?« wollte @NoFilterNeeded wissen. Rapunzel seufzte. Die letzte Frage ignorierte sie. Niemand durfte wissen, dass selbst sie manchmal trickste. Es war verrückt – Millionen Menschen bewunderten ihr Leben, doch es fühlte sich an, als wäre sie in einer schlecht dekorierten Gefängniszelle eingesperrt.
Sie hatte alles: Ruhm, Sponsordeals, ein perfektes Image. Und trotzdem war ihr sterbenslangweilig. Jeden Tag das Gleiche. Fotos, Videos, Livestreams. Immer dieselben Posen, immer dasselbe Lächeln. Und das Beste? Sie konnte nicht einmal spontan irgendwohin gehen. Gothel sagte immer: »Exklusivität, mein Schatz! Dein Geheimnis ist deine Macht! Wenn dich die Leute überall sehen könnten, wärst du nichts Besonderes mehr.« Toll. Sie war also nichts weiter als ein seltenes Sammlerstück für die Massen. Rapunzel war es leid, perfekt zu sein. Sie wollte echte Erlebnisse, echte Menschen, echte… Freiheit. Aber Freiheit brachte keine Likes. Und Likes waren alles. Oder?
Der Algorithmus meines Lebens
Rapunzel saß auf ihrem perfekt gestylten Himmelbett, das niemand außer ihr je zu Gesicht bekam, und starrte auf die Analysen ihrer Social-Media-Accounts. Die Zahlen waren… mittelmäßig. Nicht schlecht, aber auch nicht atemberaubend. Und Mittelmaß war das Schlimmste, was einer Influencerin passieren konnte. Ihr letzter Post – ein ästhetisch inszeniertes Bild von ihr am Fenster mit dem Sonnenuntergang im Hintergrund – hatte nicht die erhoffte Reichweite erzielt. Der Algorithmus strafte sie mal wieder ab. Zu wenig Interaktion in den ersten zehn Minuten, zu wenig Shares, zu wenig Emotion. »Hast du etwa vergessen, im ersten Kommentar einen Call-to-Action zu schreiben?« Gothel hatte ihr vorhin eine Sprachnachricht geschickt, und Rapunzel hörte sie sich nun mit zusammengebissenen Zähnen an. »Liebes, Engagement ist der Schlüssel! Niemand liked einfach nur ein Bild! Du musst sie dazu bringen, zu kommentieren. Stell Fragen, provoziere, sei ein bisschen kontrovers! Und wo bleibt dein neuer Reel-Content? Die Leute wollen Bewegung, Schnelligkeit! TikTok regiert das Game, und du machst immer noch Standbilder? Komm schon, Rapunzel, du bist besser als das!« Rapunzel verdrehte die Augen. Sie hatte keine Lust, ihren Followern mal wieder eine künstliche Frage zu stellen wie: »Welches Haaröl benutzt ihr?« oder »Welches Emoji beschreibt eure Stimmung heute?« Das Problem war: Es funktionierte. Es war fast unheimlich, wie sehr der Algorithmus ihr Leben bestimmte. Poste zu spät? Pech gehabt. Falsches Hashtag? Schon bist du unsichtbar. Zu wenig Kommentare? Ab in die digitale Bedeutungslosigkeit. Rapunzel wusste, dass sie im Grunde nicht für ihre Fans postete – sondern für den Algorithmus. Er war der wahre König dieser Welt. Unsichtbar, unberechenbar, erbarmungslos. Gothel hatte es einmal sehr deutlich formuliert: »Vergiss Romantik, vergiss Talent, vergiss, was du denkst, was die Leute wollen. Es zählt nur eines: Wie oft wirst du den Leuten in den Feed gespült? Wie oft werden sie dazu gebracht, auf dich zu klicken? Der Algorithmus ist dein Gott. Verehre ihn oder geh unter.« Es war beängstigend, wie recht sie hatte. Content oder Existenzkrise? Rapunzel starrte auf ihren Bildschirm. Was sollte sie als Nächstes posten? Ein weiteres Beauty-Tutorial? Zu langweilig.
Ein Q&A? Zu vorhersehbar.
Ein kleiner Skandal? Hm. Vielleicht. Sie hatte mal gehört, dass ein bisschen Drama gut für die Reichweite war. Die Leute liebten es, sich über Dinge aufzuregen. Aber worüber? Vielleicht sollte sie ein emotionales Video drehen. Irgendwas mit Tränen. »Ich habe eine große Entscheidung getroffen…« oder »Ich muss euch etwas sagen…« Der Klassiker. Sie stellte sich vor, wie sie dramatisch in die Kamera sah, mit leicht verwischtem Mascara, und flüsterte: »Leute… ich bin so lange stark geblieben… aber ich kann das nicht mehr.« Natürlich ohne zu sagen, was genau sie nicht mehr konnte. Spannung musste sein. Und dann würde sie in den Kommentaren nachlesen, wie wild die Spekulationen waren. Aber war das wirklich der Weg, den sie gehen wollte? Sie seufzte und ließ sich nach hinten auf das Bett fallen.
Irgendwo da draußen lebten Menschen ihr Leben ohne darüber nachzudenken, ob ihre Existenz von einem Algorithmus abhängt. Sie gingen einfach raus, trafen Leute, lachten, ohne dabei ein Mikrofon in der Hand zu haben. Wie wäre es, wenn sie einfach mal nichts postete? Nur für einen Tag.
Ein Experiment. Ein Test. Rapunzel griff nach ihrem Handy, öffnete Instagram… und legte es dann wieder weg. Für heute würde der Algorithmus ohne sie auskommen müssen.
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