Krise im Königreich der Likes

Rapunzel starrte auf ihr Dashboard. Die Zahlen waren eine Katastrophe.

Fünfzehn Prozent weniger Follower in drei Tagen. Kommentare? Ein toxischer Sumpf aus Enttäuschung und Häme.

Engagement? Gefühlt auf dem Niveau eines mittelmäßigen Brotlaibs. Ihr PR-Skandal hatte ihre gesamte Online-Welt ins Wanken gebracht. Eben noch war sie die unangefochtene Königin der Märchen-Influencer gewesen – nun verhielt sich das Internet, als hätte sie persönlich den Weltfrieden sabotiert.

Sie scrollte durch die Trending-Hashtags. #RapunzelFake – Immer noch auf Platz eins. #Lügenzopf – Kreativ, aber schmerzhaft. #TurmGate – Hatten die Leute wirklich nichts Besseres zu tun? Rapunzel ließ das Handy sinken und presste sich die Handflächen gegen die Augen. »Das ist nicht real«, murmelte sie. »Das ist nur Social Media. Es geht vorbei.« Doch in ihrer Welt war Social Media real. Und wenn die Leute sich einmal gegen dich wendeten, war es verdammt schwer, das Ruder herumzureißen. Noch vor einer Woche hatte sie das Gefühl gehabt, unantastbar zu sein. Ihre Follower lobten sie, imitierten ihre Looks, kommentierten unter jedem Post. Nun? Die Stimmung kippte mit erschreckender Geschwindigkeit. »Ich hab sie immer verteidigt – aber jetzt? Ich fühle mich betrogen.« »Kann jemand bestätigen, ob sie wirklich in einem Turm lebt oder ob das auch nur eine Lüge ist?« »Typisch. Erst wird sie berühmt, dann zeigt sich, dass alles Fake ist.« Rapunzel wollte schreien. Seit wann waren sie diejenigen, die definierten, was echt und was falsch war? Seit wann war sie nicht mehr die Prinzessin, sondern die Böse in ihrem eigenen Märchen? Gothel hatte es ihr oft genug gesagt: »Du bist nur so lange erfolgreich, wie du für den Algorithmus nützlich bist.« Und der Algorithmus hatte entschieden: Rapunzel war nicht mehr das perfekte Role Model, sondern das perfekte Drama. Ihre Reichweite brach nicht nur ein – sie explodierte auf die schlimmstmögliche Art. Jedes ihrer Videos wurde von Reaktions-YouTubern auseinandergenommen.

Ihre Followerzahlen stürzten ab, aber die Aufrufe auf ihre alten Clips schossen in die Höhe. Plötzlich wurden alte Tweets ausgegraben. »Erinnert ihr euch, als Rapunzel 2019 gesagt hat, dass sie niemals Extensions tragen würde? LOL.« Memes über ihre »Lügen« verbreiteten sich schneller als ein königlicher Bote mit guten Nachrichten. Das Schlimmste? Ihre Sponsoren schwiegen. Normalerweise bekam sie täglich Anfragen für Kooperationen, Verträge, Werbedeals.

Jetzt? Stille. Kein Detox-Tee, kein magisches Haarserum, kein Parfüm, das »Rapunzels Eleganz« einfangen wollte.

Sie wusste, was das bedeutete. Sie war für den Moment nicht mehr lukrativ.

»Gut, dass du dich endlich meldest.«

Gothel saß mit einem Glas Wein in der Hand in ihrem Sessel und sah aus, als hätte sie diesen Tag kommen sehen. Rapunzel hielt das Handy an ihr Ohr. »Was soll das heißen?« »Liebes.« Gothel seufzte. »Ich habe dir gesagt, dass du echt wirken sollst. Nicht, dass du es tatsächlich sein sollst.« »Ach, danke! Sehr hilfreich!« Rapunzel rieb sich die Schläfen. »Ich hab keine Kontrolle mehr. Das Internet entscheidet, ob ich die Böse bin, und ich kann nichts dagegen tun.« »Unsinn.« Gothel nippte an ihrem Wein. »Du kannst es steuern.« Rapunzel lachte bitter. »Wie denn? Soll ich ein Weinvideo machen, in dem ich mich entschuldige? Soll ich auf Knien um Vergebung bitten?« »Nein.« Gothel legte das Glas beiseite. »Du lenkst um.« »Womit bitte?« Gothel lehnte sich vor. »Mit dem nächsten Skandal.« Die einzige Lösung? Noch mehr Chaos. Rapunzel runzelte die Stirn. »Du meinst, ich soll einfach noch mehr Drama verursachen? Ich dachte, ich soll mein Image retten!« Gothel lächelte kalt. »Genau das tust du. Die Leute lieben es, jemanden fallen zu sehen – aber sie lieben es noch mehr, wenn es noch verrückter wird.«

»Und was schlägst du vor?« fragte Rapunzel misstrauisch. Gothel tippte sich an die Lippe. »Etwas Großes. Etwas, das die Leute noch mehr spaltet als #RapunzelFake.« Rapunzel rieb sich die Schläfen. Sie konnte sich kaum vorstellen, noch tiefer in diesen Schlamassel zu geraten. Aber vielleicht war das der Trick. Vielleicht musste sie nicht versuchen, die Kontrolle zurückzugewinnen. Vielleicht musste sie das Chaos nutzen. Sie öffnete ihre Nachrichten. Ihr Blick fiel auf eine alte Konversation. @RealWorldRobin: »Bist du wirklich frei?« Eine Idee begann sich in ihrem Kopf zu formen.

Sie tippte eine neue Nachricht. »Was, wenn ich das herausfinden will?«

Hashtag #NeueStrategie. Hashtag #WennSchonFallendannStylisch.

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