Shitstorm im Turm

Rapunzel saß in ihrem luxuriösen Zimmer, das perfekt für Ästhetik-Shootings ausgeleuchtet war, und beobachtete, wie ihr Leben in Echtzeit auseinanderfiel. Sie hatte in den letzten Wochen viele Skandale erlebt. Aber dieser hier? Dieser war der heftigste. Ihr Drama-Video hatte zwar zunächst genau die Reaktionen gebracht, die sie erwartet hatte – Tränen-Emojis, mitfühlende Kommentare, Fans, die sie verteidigten. Doch dann war etwas passiert, das sie nicht eingeplant hatte:

Es hatte nicht gereicht. Statt einer Welle der Vergebung war eine Welle der Wut gekommen. Und diese Welle war riesig. Rapunzel klickte auf die Trending-Hashtags: #PunzelLügtNochImmer #WiesoSolltenWirDirGlauben

#TurmGateNichtVergessen

Sie öffnete Twitter. Keine gute Idee. »Oh, wow. Sie hat also geweint. Sollen wir jetzt applaudieren?« »Ich schwöre, diese Influencer denken, ein paar Tränen und ein trauriges Gesicht reichen, um uns zu manipulieren.« »Wer glaubt ihr eigentlich noch?«

Rapunzel ließ ihr Handy sinken. Sie hatte geglaubt, dass sie das Märchen noch einmal umdrehen konnte. Dass ihr Video die perfekte Mischung aus Emotion, Ehrlichkeit und Selbstreflexion war. Aber das Internet hatte andere Pläne. Es gab nichts Gefährlicheres als eine wütende Community. Sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar – das echte, wohlbemerkt, nicht die Clips, die sie inzwischen sicher verstaut hatte – und seufzte. Das Schlimmste an diesem Skandal war nicht mal die Wut. Es war die Tatsache, dass sie nichts dagegen tun konnte. Wenn du in der echten Welt einen Skandal hattest, konntest du rausgehen, dich zeigen, mit Menschen reden. Aber sie? Sie saß in einem Turm.

Sie konnte nicht spontan einen Auftritt bei einer Talkshow machen.

Sie konnte nicht irgendwo auftauchen und zeigen, dass sie »doch ein normaler Mensch« war. Sie konnte sich nur hinter ihrem Bildschirm verteidigen – und das Internet glaubte sowieso nur, was es glauben wollte. Der Turm, der sie einst zur Legende gemacht hatte, war jetzt ihr größtes Problem. »Natürlich«, murmelte sie. »Wenn du erst mal oben bist, warten alle nur darauf, dich fallen zu sehen.« Sie hatte Gothel sofort kontaktiert. »Ruhig bleiben«, war das Erste, was ihre PR-Beraterin gesagt hatte. »Ruhig bleiben?!«, fauchte Rapunzel. »Sie hassen mich!« »Sie hassen dich, weil sie dich geliebt haben.« Gothel klang amüsiert. »Das ist der natürliche Zyklus des Internets.« »Und was genau soll ich jetzt tun?« »Gar nichts.«

Rapunzel blinzelte. »Entschuldigung?!« Gothel lachte leise. »Du verstehst das Game noch immer nicht, oder? Das Internet liebt Dramen – aber es hat die Aufmerksamkeitsspanne eines hyperaktiven Eichhörnchens. Wenn du still bleibst, wenn du sie schreien lässt, ohne dich zu verteidigen… dann werden sie das Interesse verlieren.« Rapunzel biss sich auf die Lippe. »Also einfach… abwarten?« »Exakt.« Gothel nippte an ihrem Wein. »Sie werden sich selbst müde schreien. Gib ihnen eine Woche, und sie finden eine neue Zielscheibe.« Rapunzel wusste, dass Gothel recht hatte. Aber es fiel ihr schwer. Ihr ganzes Leben hatte sich um Reichweite gedreht, um Reaktionen, um Kontrolle. Jetzt sollte sie einfach nichts tun, während die Leute sie in Grund und Boden stampften? Sie öffnete Instagram. Immer noch tausende wütende Nachrichten. Aber dazwischen… »Eigentlich finde ich, dass sie eine zweite Chance verdient hat.« »Die Hetze geht echt zu weit.«

»Leute, sie ist auch nur ein Mensch.«

Es begann. Langsam, ganz langsam, drehte sich der Wind. Gothel hatte recht. Wenn man im Sturm stand, war das Klügste manchmal, einfach stillzuhalten. Rapunzel legte das Handy weg, atmete tief durch und flüsterte:

»Mal sehen, wer länger durchhält – sie oder ich.« Hashtag #WartenWirAb. Hashtag #ShitstormAberStylisch.

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