Rapunzel lag auf ihrem samtbezogenen Himmelbett, ein seidenes Kissen im Nacken, das angeblich Haarbruch verhindern sollte (laut Sponsordeal), und scrollte durch ihren Social-Media-Feed. Draußen zog die Welt vorbei. Irgendwo heiratete ein Prinz, irgendwo wurde ein böser Zauberer besiegt, irgendwo in einer winzigen Bäckerei wurde gerade das beste Croissant der Welt gebacken – und sie lag hier und likete Bilder von anderen Leuten, die tatsächlich lebten. Sie seufzte und starrte an die Turmdecke. »Was ist?« Gothel stand im Türrahmen, perfekt gekleidet wie immer, als wäre sie auf dem Weg zu einem dekadenten Ball, anstatt mit einer Influencerin in einem Steinturm zu leben. »Nichts«, murmelte Rapunzel. Gothel hob eine Augenbraue. »Nichts? Du starrst die Decke an, als würde gleich eine göttliche Eingebung durchbrechen.«
»Vielleicht hoffe ich darauf«, sagte Rapunzel trocken und setzte sich auf. »Hast du dich nie gefragt, ob das hier… ich weiß nicht… vielleicht nicht so ganz das echte Leben ist?« Gothel lachte.
»Liebes, welches echte Leben?« Rapunzel ließ sich nach hinten fallen.
»Ich meine, das hier. Mein ganzes Leben. Der Turm, die Fotoshootings, die Livestreams, die gesponserten Posts. Die perfekt inszenierten 'spontanen' Momente. Ist das wirklich… echt?«
Gothel schüttelte den Kopf, als wäre Rapunzel eine naive Siebenjährige, die gerade zum ersten Mal erkannte, dass der Weihnachtsmann nicht real ist. »Echt ist, was die Leute sehen wollen, Liebes.« Sie trat an das riesige Fenster und deutete nach draußen. »Da draußen ist das Chaos. Hungernde Bauern, wütende Adelige, völlig inkompetente Könige. Willst du da wirklich hin?« Rapunzel stützte ihr Kinn auf die Hände. »Ehrlich gesagt? Ja.« Gothel seufzte dramatisch. »Du würdest es nicht mal einen Tag aushalten.« Rapunzel setzte sich auf und verschränkte die Arme. »Wieso nicht?« »Weil du dein ganzes Leben darauf trainiert wurdest, die Illusion aufrechtzuerhalten.« Gothel drehte sich zu ihr um. »Was denkst du denn, wie dein Leben da draußen aussehen würde? Glaubst du, du kannst einfach durch die Straßen spazieren, ein Brot kaufen, mit normalen Leuten reden? Denkst du, du wärst nicht innerhalb von Minuten umringt von Fans, Schaulustigen und wahrscheinlich zwielichtigen Adligen, die dich entweder heiraten oder ausnutzen wollen?« Rapunzel biss sich auf die Lippe. Ja… okay. Vielleicht hatte Gothel einen Punkt. »Und selbst wenn du es schaffst, anonym zu bleiben«, fuhr Gothel fort, »wie willst du leben? Du kannst keine Kartoffeln anbauen, du kannst kein Feuerholz hacken, du kannst nicht mal eine Tür öffnen, weil du dein ganzes Leben lang in einem Raum mit keiner einzigen verdammten Tür verbracht hast.« Rapunzel kniff die Augen zusammen. »Wow. Danke für das Vertrauen.« Gothel zuckte die Schultern. »Es ist nicht mein Vertrauen, das zählt, Liebes. Es ist die Realität.« Rapunzel wollte es nicht zugeben, aber Gothel hatte nicht ganz Unrecht. Ihr Alltag bestand aus Beauty-Tutorials, gesponserten Produkten und makellosen Fotoshootings – nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein Leben außerhalb der Social-Media-Parallelwelt. Aber… war das wirklich ein Grund, für immer hier zu bleiben?
Sie zog ihr Handy aus der Tasche und öffnete ihre Nachrichten. Wieder diese eine Nachricht von @RealWorldRobin:
›Bist du wirklich frei?‹ Rapunzel starrte auf die Worte. War sie das? Oder war sie nur eine digitale Königin in einem goldenen Käfig? Langsam tippte sie eine Antwort. ›Was, wenn ich es herausfinden will?‹ Hashtag #RealityCheck. Hashtag #EscapePlanLoading.
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