Virale Verzweiflung

Rapunzel saß an ihrem Schreibtisch, starrte auf ihr Handy und erlebte die fünf Phasen einer Social-Media-Krise.

Phase 1: Verleugnung.

»Es ist nur ein Algorithmus-Fehler«, murmelte sie und aktualisierte ihren Feed zum zehnten Mal in fünf Minuten. »Das passiert manchmal.«

Keine Veränderung. Das Engagement ihrer letzten Posts war miserabel. Miserabel im Sinne von: »Hat meine Community kollektiv beschlossen, mich zu ghosten?« Ihr letzter Selfie-Post – sorgfältig inszeniert mit goldenem Licht und perfekt fallenden Locken – hatte nicht einmal halb so viele Likes wie sonst. Ihr Reel mit der »Morgenroutine« (die in Wirklichkeit drei Stunden Vorbereitungszeit brauchte) dümpelte bei erschreckend niedrigen Aufrufzahlen herum. Das Schlimmste? Keine neuen Follower. Nein, schlimmer: Sie verlor welche.

Rapunzel spürte, wie sich Panik in ihr ausbreitete.

Phase 2: Wut.

»Das kann nicht sein!« Sie sprang auf und lief im Zimmer auf und ab. »Ich habe ALLES richtig gemacht! Licht, Filter, Hashtags, Call-to-Action! Was will dieser verdammte Algorithmus noch von mir? Mein Erstgeborenes?!«

Gothel, die gerade mit einem Espresso in der Tür stand, hob eine Augenbraue.

»Probleme, Liebes?« Rapunzel fuhr herum. »Meine Reichweite stirbt!« Gothel nahm einen bedächtigen Schluck. »Ach, Liebling. Social Media ist wie Magie – es funktioniert nur, solange die Leute daran glauben.« Rapunzel verzog das Gesicht. »Das ist keine Magie, das ist brutale digitale Diktatur! Ich habe Follower, warum sehen sie meine Beiträge nicht?« Gothel lächelte amüsiert. »Weil sie dich nicht mehr spannend finden.«

Phase 3: Verhandlung.

Rapunzel ließ sich auf ihr Bett fallen und öffnete verzweifelt ihre Notizen. »Okay… okay… vielleicht brauche ich ein virales Video. Irgendwas Großes. Ein Makeover? Nein, das wirkt verzweifelt. Eine Challenge? Zu ausgelutscht. Vielleicht ein Skandal? Ein Fake-Beef mit einem anderen Influencer?« Sie biss sich auf die Lippe. Was war der schnellste Weg zurück ins Rampenlicht?

Phase 4: Depression.

Rapunzel ließ ihr Handy sinken und starrte an die Decke. »Bin ich… irrelevant?« flüsterte sie. Gothel lachte. »Oh, Liebes. Du bist eine Content-Maschine, kein Mensch. Wenn die Maschine anfängt zu rosten, wird sie ersetzt.« Autsch. Rapunzel schloss die Augen. Sie hatte immer gewusst, dass ihre Karriere nicht ewig dauern würde. Aber… jetzt schon?

Phase 5: Akzeptanz (oder Rebellion?).

Nach einer Stunde Frustscrollen stand sie abrupt auf. »Weißt du was?« sagte sie laut. »Ich werde nicht panisch auf TikTok rumtanzen oder einen Weinkrampf inszenieren, um Follower zurückzubekommen. Wenn der Algorithmus mich nicht mag, dann eben nicht.« Gothel legte den Kopf schief. »Interessante Strategie. Hoffnungslos, aber interessant.« Rapunzel zuckte mit den Schultern.

»Vielleicht poste ich einfach mal nichts.« Gothel wirkte amüsiert. »Ein Leben ohne Content? Das ist ja fast revolutionär.« Rapunzel grinste. Vielleicht brauchte sie genau das. Hashtag #OfflineMode. Hashtag #FindeIchMichSelbstOderNurLangeweile?

Influencen ohne Internet

Rapunzel starrte auf ihr Handy. Oder besser gesagt: auf den schwarzen Bildschirm ihres Handys. Kein WLAN. Kein Netz. Kein gar nichts. »Gut«, murmelte sie. »Bleib ruhig. Das ist kein Weltuntergang.« Aber genau so fühlte es sich an. Sie drückte alle möglichen Knöpfe, schaltete den Flugmodus ein und aus, rüttelte sogar leicht an dem Gerät, als könnte sie damit ein magisches Signal aus dem Nichts beschwören. Nichts. Kein Empfang.

Verzweifelt blickte sie zum Router in der Ecke des Zimmers – ihr treuer Begleiter, ihr Tor zur Welt. Die winzigen Lichter, die sonst so beruhigend blinkten, waren aus. Sie sprang auf und rief: »GOTHEL!« Gothel betrat den Raum mit der Ruhe einer Frau, die sich über echte Probleme Gedanken machte – nicht über das Drama einer Influencerin ohne WLAN. »Was ist los, Liebes?«

Rapunzel deutete panisch auf ihr Handy. »Das Internet ist weg.« Gothel zog eine Augenbraue hoch. »Und?«

Rapunzel schnappte nach Luft. »UND? Ich kann nichts posten! Keine Stories, keine Reels, keine Livestreams! Wie soll ich meinen Followern zeigen, dass ich noch existiere?« Gothel seufzte. »Vielleicht… indem du existierst?« Rapunzel starrte sie an, als hätte sie gerade vorgeschlagen, ihr Haar abzurasieren. »Oh, großartig! Ich existiere einfach. Super Plan. Weißt du, wer nicht existiert? Leute ohne Online-Präsenz!« Gothel zuckte die Schultern.

»Dann bist du eben mal ein bisschen… offline.« Rapunzel sank dramatisch auf ihr Sofa. »Offline. Das klingt wie eine Krankheit.« Nach zehn Minuten Frustscrollen durch ihre nicht funktionierende Instagram-App gab Rapunzel auf. Sie musste sich anderweitig beschäftigen. Sie ging zum Fenster, lehnte sich hinaus und sah auf den Wald unter ihr. »Oh wow«, murmelte sie. »Das ist also die echte Welt. Bäume. Sehr innovativ.« Dann drehte sie sich um, betrachtete ihr Zimmer und stellte fest: Ohne Social Media war dieses luxuriöse Turmleben ziemlich… langweilig. Was machte man, wenn man nichts posten konnte?Lesen? Hatte sie seit Jahren nicht mehr getan. Malen? Keine Lust. Sich mit ihren Gedanken beschäftigen? Um Himmels willen. In ihrer Verzweiflung griff sie nach einem Tagebuch, das sie irgendwann als Deko-Element bekommen hatte, und begann zu schreiben: „Tag 1 ohne Internet. Mein Einfluss auf die Welt schwindet rapide. Werde ich bald vergessen sein? Ist das der Anfang meines sozialen Untergangs? Falls jemand das findet – bitte schickt Likes in Gedanken.“ Sie klappte das Buch zu und starrte wieder ins Nichts. Gott, das war schlimmer als erwartet. Zwei Stunden später hatte sie alle möglichen Szenarien durchgespielt. Vielleicht war das Königreich angegriffen worden, und das Internet war ausgefallen. Vielleicht hatte Gothel es absichtlich abgestellt, um sie zu quälen. Vielleicht war der Turm von einer gigantischen Funkstörung betroffen. Oder – und das war die schlimmste Möglichkeit – vielleicht war sie so süchtig nach ihrer Online-Existenz, dass sie nicht wusste, wie sie ohne sie leben sollte. Ein schrecklicher Gedanke. Sie nahm ihr Handy, hielt es vors Gesicht und stellte sich vor, dass sie gerade live ging. »Hey Leute, willkommen zu meinem ersten Tag ohne Internet. Das ist eine unfassbar harte Zeit für mich. Ich habe heute gelernt, dass Vögel anscheinend nicht nur in Disney-Filmen existieren und dass Bücher nicht nur Deko sind. Drückt mir die Daumen.« Sie hielt inne und lachte über sich selbst. Vielleicht war das die Realität, die sie gebraucht hatte. Hashtag #OfflineAberAmLeben. Hashtag #ÜberlebenOhneLikes.

Herunterladen

Gefällt Ihnen diese Geschichte? Laden Sie die App herunter, um Ihren Leseverlauf zu speichern.
Herunterladen

Bonus

Neue Benutzer, die die APP herunterladen, können 10 Episoden kostenlos lesen

Erhalten
NovelToon
Betreten Sie eine andere WELT!
Laden Sie die MangaToon APP im App Store und Google Play herunter