Rapunzel saß auf einer alten Holzbank vor der Herberge, zog den viel zu großen Umhang enger um sich und starrte auf ihr Handy. Zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, was sie posten sollte. Jahrelang hatte sie jeden Satz, jede Pose, jede Emotion genau geplant. Selbst ihre »spontanen« Gedanken waren immer durchdacht gewesen – kalkuliert für maximale Wirkung, maximalen Impact, maximale Reichweite. Doch jetzt? Jetzt war sie frei. Kein Turm, keine Gothel, keine Regeln. Und genau das machte ihr Angst. Sie öffnete ihre Galerie und scrollte durch alte Bilder. Perfekte Lichtverhältnisse. Makellose Haut.
Jede Haarsträhne an ihrem Platz. Das war das Bild, das sie all die Jahre verkauft hatte. Sie wusste nicht einmal mehr, ob sie jemals wirklich so ausgesehen hatte – oder ob es einfach nur die Summe aus Filtern, Weichzeichnern und strategischer Beleuchtung war. Jetzt saß sie hier, mit müden Augen, zerzausten Haaren und einem Gesicht, das nicht mehr unter einer Schicht aus Foundation und Highlighter versteckt war. Wenn sie das posten würde, würden die Leute sie überhaupt wiedererkennen? Oder war Rapunzel nur echt, solange sie perfekt war. Sie nahm einen tiefen Atemzug, schaltete die Kamera ihres Handys ein und wechselte auf die Frontkamera. Da war sie. Kein Make-up. Keine Softboxen. Kein perfekter Hintergrund. Nur sie, das graue Morgenlicht und die leere Straße hinter ihr. Sie drückte auf Aufnahme. »Hey Leute.« Ihre eigene Stimme klang fremd. »Ich weiß, dass das hier nicht das Rapunzel ist, die ihr gewohnt seid.«
Sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar – eine alte Gewohnheit aus unzähligen Beauty-Tutorials. »Ich weiß, dass ich immer perfekt aussah. Immer glücklich, immer glamourös, immer ein Märchen.« Sie machte eine Pause. »Aber das war nur die Hälfte der Wahrheit.« Sie hielt das Handy ein Stück weiter von sich weg, sodass ihr ganzes zerzaustes, unperfektes Ich im Bild war. »Das hier bin ich. Ohne Turm. Ohne Filter. Ohne Fake.« Sie sah sich selbst an und wartete auf das Gefühl von Panik. Aber es kam nicht.
Stattdessen… fühlte es sich richtig an.
Sie stoppte die Aufnahme, lud das Video hoch und steckte ihr Handy weg.
Dann lehnte sie sich zurück und wartete darauf, was passieren würde.
Hashtag #VonFakeZuEcht. Hashtag #RealTalkMitRapunzel.
Therapie statt TikTok?
Rapunzel saß auf einer alten Holzbank und starrte in die Ferne. Die letzten Tage waren… seltsam. Kein perfekt inszeniertes Leben mehr. Kein Turm, keine Stylisten, keine geplanten Posts. Nur sie, ein viel zu großer Umhang und eine Realität, die sich noch nicht ganz echt anfühlte. Ihr letztes Video – der Moment, in dem sie sich zum ersten Mal ungeschminkt und ungeschönt gezeigt hatte – war explodiert. »Endlich mal eine Influencerin, die ehrlich ist! »So mutig!« »Ich kann nicht glauben, dass ich so lange auf eine perfekte Version von dir reingefallen bin.« Rapunzel wusste nicht, ob das Komplimente waren oder nicht. Seit sie den Turm verlassen hatte, spürte sie eine Frage in sich brennen, die sie nie laut ausgesprochen hatte: Wer bin ich, wenn ich nicht online bin? Entzugserscheinungen vom Internet? Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Kein WLAN. Kein TikTok. Kein Instagram.
Sie könnte in die Stadt gehen und sich irgendwo ein Netz suchen, aber… wollte sie das überhaupt? Ihre Finger zuckten. Der Impuls war immer noch da. Öffne die App. Überprüfe die Likes. Sieh nach, wie du in den Trends stehst. Aber sie tat es nicht. Stattdessen ließ sie das Handy sinken und atmete tief durch. Vielleicht war das hier eine Art Entzug. Nicht von Drogen, nicht von Alkohol – sondern von dem ständigen Bedürfnis, sich selbst zu vermarkten. Therapie statt TikTok? Der Gedanke traf sie wie ein Schlag. Sie hatte jahrelang ihre Emotionen für Content genutzt. Glück? Ein strahlendes Selfie. Trauer? Ein perfekt geschnittenes Drama-Video. Wut? Ein subtweeter Kommentar, der für Engagement sorgte. Aber hatte sie jemals wirklich darüber nachgedacht, wie sie sich ohne Kamera fühlte? Die Antwort war beängstigend. Was macht man mit echten Emotionen? Rapunzel fuhr sich durch die Haare und schüttelte den Kopf. Vielleicht war das der wahre Reality-Check. Nicht das schlechte Licht. Nicht die unkontrollierten Haare. Sondern die Erkenntnis, dass sie nie gelernt hatte, mit sich selbst allein zu sein. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Vielleicht war es an der Zeit, sich nicht mehr für Likes zu therapieren. Vielleicht war es Zeit, einfach mal nichts zu teilen. Kein Post. Kein Video.
Kein Hashtag. Nur sie – und ihr eigenes, ungefiltertes Leben.
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