Rapunzel saß auf der Fensterbank ihres Turms, das Handy in der Hand, und wartete. Und wartete. Und wartete. Das kleine Ladesymbol drehte sich und drehte sich, während die Nachricht, die sie vor fünf Minuten abgeschickt hatte, einfach nicht rausging. »Oh komm schon«, murmelte sie und streckte das Handy weiter aus dem Fenster, als könnte sie damit magisch besseren Empfang herbeizaubern. Vergeblich.
Sie schaltete das WLAN aus und versuchte es mit mobilen Daten. Auch nichts. »Perfekt«, seufzte sie. »Ich lebe in einem Turm mit der besten Aussicht des Königreichs – aber einer Verbindung schlechter als in einer feuchten Kerkerzelle.« Sie lehnte sich zurück, verdrehte die Augen und dachte an den Grund für ihre verzweifelten Nachrichtenversuche: den Prinzen. Oder besser gesagt: den Prinzen mit dem schlechtesten WLAN aller Zeiten. Vor einer Woche hatte er ihr das erste Mal geschrieben. Ein klassischer Slide-in-die-DMs-Move. Ein einfaches: ›Hey.‹ Nicht gerade kreativ, aber hey – wenigstens keine plumpen Anmachsprüche oder übertriebene Komplimente. Sie hatte zurückgeschrieben. ›Hey? Wirklich? Das ist dein großer Auftritt?‹ Die Antwort kam erst zwei Stunden später.
›Hatte schlechten Empfang.‹ Rapunzel lachte. Wer lebte denn noch ohne vernünftiges Internet? Wahrscheinlich irgendein Adliger aus einem veralteten Schloss mit dicken Steinmauern, die das Signal blockierten. Trotzdem schrieb sie weiter. Sein Name war Prinz Theodor. Kein strahlender Held auf einem weißen Pferd, sondern eher ein Typ mit überraschend gutem Humor, der sich über seine eigenen königlichen Pflichten lustig machte. »Weißt du, was das Problem mit Thronfolgen ist?«, hatte er ihr in einer Sprachnachricht gesagt. »Du wirst geboren, atmest, und zack – dein ganzes Leben ist durchgeplant. Keine Wahl. Keine Kündigung möglich.« Rapunzel konnte es nachvollziehen. Sie war kein Königskind, aber das Gefühl, in eine Rolle gezwungen zu werden, kannte sie gut genug. Und so chatteten sie weiter – wenn es sein WLAN erlaubte. Aber jetzt, genau in diesem Moment, wo sie eigentlich wirklich eine Antwort brauchte, streikte die Technik. »Das kann doch nicht wahr sein«, murmelte sie und versuchte, sich nicht vorzustellen, dass er sie vielleicht ignorierte. Gerade als sie aufgeben wollte, vibrierte das Handy in ihrer Hand. ›Sorry, mein Netz ist wieder abgestürzt. Bin kurz auf den Turm geklettert, um Empfang zu kriegen.‹ Rapunzel blinzelte. ›Warte… du bist gerade AUF EINEN TURM GEKLETTERT, nur um mir zu schreiben?‹ Die Antwort kam sofort. ›Ja. Und es ist verdammt windig hier oben. Ich hoffe, du weißt das zu schätzen.‹ Sie lachte laut. Das tat sie tatsächlich. Es war nicht so, dass sie vorher nie Nachrichten von »Prinzen« bekommen hatte. Ihr Postfach war voll von Typen, die meinten, sie mit übertriebenem Charme oder absurden Angeboten beeindrucken zu müssen.
»Hey, schöne Dame, brauchst du einen Retter?« »Ich würde ALLES für dich tun, Prinzessin.« »Sag mir, wie ich dich aus deinem Turm befreien kann!«
Langweilig. Berechenbar. Und ehrlich gesagt ziemlich peinlich. Aber Theodor? Er schien nicht darauf aus zu sein, der große Held zu sein. Er fragte sie nicht, ob sie gerettet werden wollte – er fragte sie, was sie wollte. Und das war neu. Rapunzel seufzte und legte das Handy auf ihren Schoß. Was, wenn er wirklich mal vorbeikommen würde?
Nicht als Retter, nicht als Märchenprinz – einfach als jemand, der sie sehen wollte? Es war eine absurde Idee. Eine, die ihr Herz ein kleines bisschen schneller schlagen ließ. Sie tippte eine neue Nachricht. ›Sag mal… gibt’s in deinem Schloss wenigstens anständiges WLAN?‹ Die Antwort kam mit leichter Verzögerung. ›Nicht wirklich. Aber ich habe ein Pferd.‹ Rapunzel lachte. Vielleicht war es Zeit, die schlechten Signale hinter sich zu lassen – und eine neue Verbindung zu testen. Hashtag #KeinEmpfangAberInteresse. Hashtag #MärchenOhneRettung.
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