Rapunzel stand vor der Tür ihres Turms und versuchte, nicht durchzudrehen. Ihr Herz hämmerte. Ihre Hände waren eiskalt. Seit Jahren hatte sie in diesem Turm gesessen, hatte jedes Bild, jedes Video, jede Bewegung perfekt inszeniert. Und jetzt… jetzt sollte sie einfach so hinausgehen?Draußen. Wo es kein Ringlicht gab.
Wo das Licht nicht weich und schmeichelnd fiel. Wo kein Filter existierte, um ihre Haut makellos erscheinen zu lassen. Sie nahm einen tiefen Atemzug und drückte die Tür auf. Die riesigen Holztüren, die sie immer für ein Symbol ihrer Gefangenschaft gehalten hatte, waren plötzlich nichts weiter als ein Ausgang.
Der Wind wehte ihr entgegen, frisch und ungefiltert, ließ ihre Haare in alle Richtungen fliegen. Sonnenlicht traf sie direkt ins Gesicht – hart, unerbittlich, ohne einen einzigen Beauty-Filter. Sie blinzelte. Es war… überwältigend. Rapunzel trat vorsichtig nach draußen und spürte zum ersten Mal echten Boden unter ihren Füßen. Nicht den glatten Marmorboden ihres perfekt gestylten Turmzimmers. Sondern Erde. Klebrig, uneben, voller kleiner Steine, die unangenehm unter ihren Schuhen knirschten. Sie nahm ihr Handy aus der Tasche, aktivierte die Frontkamera und betrachtete sich im Bildschirm. Es war eine Katastrophe. Kein perfekt gesetztes Licht, kein schmeichelnder Schatten. Ihre Haare waren nicht in den sanften Wellen gestylt, die ihre Follower gewohnt waren – sie wurden vom Wind in alle Richtungen zerzaust. Ihre Haut war nicht makellos weichgeleuchtet, sondern hatte… Textur. Sie sah nicht aus wie eine Legende. Sie sah aus wie eine Person. Ein echtes, atmendes, unperfektes Wesen. Und sie wusste nicht, ob sie das ertragen konnte. Die Abhängigkeit vom Perfekten Sie war süchtig nach Kontrolle. Nach der perfekten Pose. Dem perfekten Winkel. Dem perfekten Image. Draußen gab es das nicht. Sie konnte das Licht nicht anpassen.
Sie konnte den Wind nicht stoppen.
Sie konnte nicht einfach auf »Retuschieren« klicken und die Welt nach ihren Regeln formen. Rapunzel spürte Panik in sich aufsteigen. Wie sollte sie hier existieren, wenn sie sich nicht in Echtzeit bearbeiten konnte? Sie ließ ihr Handy sinken und blickte sich um. Niemand sah ihr zu. Keine Kamera, die auf sie gerichtet war.
Kein Algorithmus, der entschied, ob ihr Gesicht gut genug für Engagement war. Keine Follower, die live kommentierten, ob sie »umwerfend« oder »nicht wiederzuerkennen« aussah. Es war nur sie. Und die echte Welt. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Hinter ihr lag das Leben, das sie aufgebaut hatte. Der Turm, die Perfektion, die kalkulierte Unnahbarkeit. Vor ihr lag… das Unbekannte. Echte Menschen, echte Orte, echtes Leben – ohne Likes, ohne Filter, ohne inszenierte Magie. Sie schluckte. Dann nahm sie ihr Handy, öffnete die Kamera – nicht für ein Foto, nicht für ein perfektes Selfie. Sondern einfach nur, um sich selbst anzusehen. Ungeschminkt. Ungefiltert. Echt. »Okay«, murmelte sie. »Lass uns sehen, wer ich wirklich bin.« Dann steckte sie das Handy weg und ging los.
Hashtag #KeinRinglichtMehr. Hashtag #RealitätOhneFilter.
Outfit of the Day: Gefängnislook
Rapunzel stand vor einem alten, staubigen Spiegel in einer heruntergekommenen Herberge am Rande des Königreichs. Sie musterte ihr Spiegelbild und biss sich auf die Lippe. Das hier war nicht das Outfit of the Day, das sie gewohnt war. Keine perfekt drapierten Kleider, keine aufeinander abgestimmten Farben, kein schmeichelnder Lichtfilter, der jedes Detail auf Hochglanz polierte. Stattdessen: Ein viel zu großer grauer Umhang, der aussah, als hätte ihn eine alte Kräuterfrau im Wald vergessen.
Stiefel mit abgewetzten Sohlen, die sie in einer Notaktion gegen ihre goldverzierten Designer-Slipper tauschen musste. Und darunter ein einfaches Leinenkleid, das definitiv nicht nach High-Fashion aussah. »Wow«, murmelte sie und drehte sich zur Seite. »Mein erster Tag in Freiheit – und ich sehe aus, als hätte ich mein eigenes Vermisstenfoto gedreht.« Sie nahm ihr Handy heraus und öffnete die Kamera. Katastrophe. Kein schmeichelndes Licht. Keine eleganten Posen. Nur sie – müde, erschöpft und mit ungekämmten Haaren, die nicht mehr in perfekten Wellen lagen, sondern in einer wilden Mischung aus Knoten und Chaos. Sie hatte sich ihre Flucht glamouröser vorgestellt. In ihren Gedanken war es eine epische Szene gewesen: Sie verlässt den Turm, das Sonnenlicht fällt perfekt auf ihr Gesicht, ihr Haar weht dramatisch im Wind, und sie beginnt ein neues, aufregendes Leben voller Abenteuer. In der Realität? Sie war mitten in der Nacht abgehauen, hatte sich über matschige Waldwege geschleppt und war um ein Haar von einem Wildschwein angegriffen worden. Dann war sie bei dieser Herberge gelandet – der einzigen Unterkunft, die kein Vermögen für eine Übernachtung verlangte. Und nun stand sie hier, sah aus wie eine gescheiterte Märchenfigur und fragte sich, ob Freiheit wirklich so großartig war, wie sie es sich immer ausgemalt hatte. Kein Turm, keine Stylisten, keine Kontrolle Rapunzel atmete tief durch Das war es. Der Reality Check. Es gab keine Stylisten mehr, die ihr die perfekte Robe zurechtzupften. Keine Assistenten, die ihre Looks strategisch für Sponsordeals auswählten. Keine Gothel, die ihr sagte, was sie tragen sollte. Nur sie – und die Klamotten, die sie gerade tragen musste. Ein Teil von ihr wollte sofort einen Laden finden, um sich ein schönes Outfit zu kaufen. Aber ein anderer Teil… Ein anderer Teil wollte sehen, wie es war, nicht perfekt zu sein.
Nicht hübsch. Nicht makellos. Nicht ideal für ein Instagram-Post. Nur eine normale Frau in einem viel zu großen Umhang, die versuchte, herauszufinden, wer sie wirklich war. Sie grinste leicht. Dann hob sie ihr Handy, stellte die Kamera auf Selfie-Modus und sagte: »Okay, Leute. Outfit of the Day: Gefängnislook. Lass uns das hier durchziehen.« Hashtag #NoMoreTurm. Hashtag #RealitätSiehtScheißeAusAberOkay.
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