Mein Friseur ist eine Hexe

Rapunzel saß vor ihrem riesigen Spiegel, das goldene Licht des Nachmittags fiel weich auf ihre endlos langen Locken, und sie wusste: Es war wieder so weit. »Liebes, es ist Zeit für dein Hair Refresh.« Gothel stand in der Tür, perfekt gestylt, wie immer. Niemand wusste genau, wie alt sie war, aber mit ihren perfekt konturierten Wangenknochen und der immer makellosen Haut wirkte sie wie eine wandelnde Photoshop-Datei. Manche munkelten, sie hätte einen Pakt mit dunklen Mächten geschlossen – andere sagten, es sei einfach nur eine sehr teure Pflegeroutine. Rapunzel lehnte sich im Stuhl zurück und seufzte. »Muss das sein?« »Natürlich muss das sein.« Gothel trat näher und betrachtete Rapunzels Haar mit einem kritischen Blick. »Deine Spitzen sind tot, dein Glanz ist ein Witz, und wenn du denkst, ich lasse dich so vor die Kamera, dann hast du den Verstand verloren.« Rapunzel verschränkte die Arme. »Vielleicht will ich einfach mal messy hair, don’t care?« Gothel blinzelte sie an, als hätte sie gerade gesagt, sie wolle sich eine Glatze rasieren. »Liebes. Du bist dein Haar.«

Und genau das war das Problem. Jeder kannte die Legende von Rapunzels Haar. Die märchenhafte, glänzende, seidige Mähne, die angeblich so stark war, dass man daran ein ganzes Männerballett hochziehen konnte. Die Realität? Stundenlanges Kämmen. Schmerz. Drei Liter Conditioner pro Woche. Und selbst dann gab es Tage, an denen sich ihre Locken zu einem chaotischen Nest zusammenrollten, das kein Mensch ohne magische Hilfe entwirren konnte. Und genau da kam Gothel ins Spiel. Niemand wusste genau, was für Produkte sie benutzte – oder ob es überhaupt Produkte waren. Manche sagten, sie habe eine geheime Formel, andere flüsterten, es sei Hexerei. Rapunzel wusste nur: Nach einer Sitzung mit Gothel sah ihr Haar aus, als wäre es direkt aus einer übertriebenen Shampoo-Werbung gefallen. »Du weißt, wie wichtig dein Image ist, Liebes«, sagte Gothel, während sie eine tiefgrüne Glasflasche aus ihrer Tasche zog. Eine zähe, fast schimmernde Flüssigkeit glitt darin umher. »Dieses Haar ist mehr als nur dein Markenzeichen. Es ist dein Kapital.« Rapunzel verdrehte die Augen. »Ich bin mehr als meine Haare.« Gothel hob eine perfekt gezupfte Augenbraue. »Bist du das?«

Es war ein Deal, den Rapunzel nie bewusst abgeschlossen hatte, aber an den sie sich gebunden fühlte: Solange ihr Haar makellos war, war sie wer. Sobald sie es vernachlässigte, wurde sie austauschbar. Wie oft hatte sie nachts wach gelegen und sich gefragt, was passieren würde, wenn sie einfach… schnitt? Kurz, praktisch, frei. Ein Leben ohne Kämmen. Ohne Pflegeprozeduren, die länger dauerten als ein königliches Bankett. Ohne das ständige Gefühl, dass ihre gesamte Existenz an Strähnen aus Keratin hing.

»Mach es kurz«, sagte sie plötzlich. Gothel hielt inne. »Wie bitte?« »Du hast mich schon verstanden.« Rapunzel straffte die Schultern. »Ich will etwas Neues. Etwas anderes. Schneid es ab.« Gothel schmunzelte – aber nicht auf die gute Art. »Oh, Liebes.« Sie stellte die Flasche auf den Tisch und beugte sich näher. »Du bist nicht wirklich bereit, deine Krone abzusetzen.« Rapunzel presste die Lippen zusammen. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht war sie noch nicht so weit. Aber irgendwann… Irgendwann würde der Tag kommen, an dem sie ihre Haare nicht mehr herunterlassen würde. Und dann? Dann sollte sich die Märchenwelt besser festhalten. Hashtag #ByeByeRapunzel. Hashtag #NeuanfangWann.

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