Rapunzel saß in einem kleinen Gasthaus, die Finger um eine dampfende Tasse Tee geschlungen, und versuchte verzweifelt, sich nicht auf ihr Handy zu konzentrieren. Es war jetzt genau 24 Stunden her, seit sie ihren letzten Post abgesetzt hatte. 24 Stunden ohne ein einziges Update. Ohne eine Story. Ohne ein Foto. Ohne einen einzigen Kommentar, der bestätigte, dass sie noch existierte. Und es machte sie wahnsinnig. Ein Leben ohne Algorithmus – geht das überhaupt? Sie hatte gedacht, dass sie es könnte. Sie hatte sich eingeredet, dass sie jetzt »frei« war, dass sie das Leben einfach leben konnte, ohne alles sofort in Content zu verwandeln. Aber je länger sie still blieb, desto mehr wuchs die Unruhe in ihr. Was, wenn die Leute sie vergaßen? Was, wenn ihre Followerzahlen einbrachen? Was, wenn das alles umsonst war? Ihr ganzer Wert – oder das, was sie lange für ihren Wert gehalten hatte – hing immer von Zahlen ab. Von Likes, Shares, Kommentaren. Von dem Wissen, dass jemand sie sah. Aber heute sah sie niemand. Und das machte ihr mehr Angst, als sie zugeben wollte. Rapunzel zog ihr Handy aus der Tasche und drehte es in den Händen. Sie wollte nur kurz checken. Nur kurz sehen, ob jemand sie erwähnt hatte. Dann schüttelte sie den Kopf und steckte es wieder weg. »Verdammt«, murmelte sie leise. Sie war süchtig nach Content. Nicht, weil sie es liebte – sondern weil sie nicht wusste, wer sie ohne ihn war.
Was macht man, wenn niemand zusieht? Wenn kein Algorithmus entscheidet, ob du gerade relevant bist?
Wenn das Leben einfach nur… passiert?
Rapunzel nahm einen tiefen Atemzug und versuchte, den Drang zu ignorieren. Vielleicht war das ihr echter Kampf. Nicht aus dem Turm zu fliehen. Sondern aus der eigenen Abhängigkeit nach Aufmerksamkeit. Sie griff nach ihrer Tasse und nahm einen Schluck. Ein Tag ohne Content war schwer. Aber vielleicht war genau das der Grund, warum sie es durchziehen musste. Hashtag #KeinContentHeute. Hashtag #AberEsJucktInDenFingern.
Der wahre Prinz ist ein Nobody
Rapunzel saß auf einer alten Holzbank in einem Dorf, das so unspektakulär war, dass nicht einmal eine einzige Instagram-Story darüber existierte. Vor ihr stand ein Typ mit abgetragenen Stiefeln, ein zerknittertes Hemd, aufgekrempelte Ärmel. In seinen Händen drehte er einen Apfel, schnitt ihn mit einem Taschenmesser in Stücke und wirkte, als hätte er keine Ahnung, wer vor ihm saß. »Also… du bist die Rapunzel?« fragte er und kaute nachdenklich. »Kommt drauf an«, murmelte sie. »Welche Version kennst du?« »Na ja«, er zuckte mit den Schultern, »die mit dem langen Haar, dem Turm, dem Prinzen. Klassisches Märchen-Zeug.« Rapunzel schnaubte. »Ja, das dachte ich auch mal. Aber dann habe ich gemerkt, dass Märchen meistens Bullshit sind.« Er grinste leicht. »Tja, willkommen in der echten Welt.« Sein Name war Robin. Kein Prinz. Kein reicher Adliger. Kein strahlender Held mit einem weißen Pferd. Nur ein Typ, der morgens aufstand, um zu arbeiten, keine Ahnung hatte, was ein Algorithmus war, und der in einer Welt lebte, in der Likes keine Währung waren. »Lass mich das klarstellen«, sagte er irgendwann, als sie ihm erzählte, womit sie früher ihr Geld verdient hatte. »Leute schauen sich freiwillig dein Leben an?« »Ja.« »Und sie… liken deine Bilder?« »Ja.« Er runzelte die Stirn. »Warum?« Rapunzel öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Denn zum ersten Mal klang es für sie genauso absurd, wie es eigentlich war. Robin kannte sie nicht als perfekte Online-Prinzessin. Er wusste nicht, dass sie vor Monaten noch Deals mit den größten Marken hatte. Er wusste nicht, dass sie für ihr altes Leben einmal tausende Kommentare bekam. Er wusste nicht, dass sie gelernt hatte, jedes einzelne Bild, jeden einzelnen Satz so zu drehen, dass er perfekt passte. Er kannte nur die Frau vor ihm. Eine Frau mit zerzausten Haaren, müden Augen und einem leicht sarkastischen Lächeln. Und er schien sie trotzdem zu mögen. Kein Märchen, kein Drama – nur Echtheit
»Also, wenn du keine Prinzessin bist… was machst du jetzt?« fragte Robin, während er sich neben sie setzte. Rapunzel sah zu ihm und zuckte die Schultern. »Ich finde raus, wer ich bin, wenn keiner zusieht.« Er grinste. »Dann bist du hier genau richtig.«
Hashtag #KeinPrinzNötig. Hashtag #EchtesLebenIncoming.
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