Rapunzel saß an ihrem goldenen Schminktisch und starrte auf den Bildschirm ihres Handys. Der Livestream, der vor einer Stunde noch perfekt durchgeplant war, war in ein digitales Blutbad ausgeartet. Sie hatte nur eine harmlose »Ask me anything«-Session machen wollen. Ein bisschen Smalltalk mit ihren Followern, ein paar charmante Antworten, hier und da ein subtiler Produkthinweis – nichts, was sie nicht schon hundert Mal gemacht hatte. Doch dann war die eine Frage aufgetaucht. Und ihr gesamtes, perfekt kuratiertes Image war in Sekundenbruchteilen implodiert. Der Moment, der alles veränderte »Rapunzel, stimmt es, dass dein Haar nicht echt ist?« Zehntausende Zuschauer. Und plötzlich absolute Stille in den Kommentaren. Rapunzel hatte gelächelt, als wäre es die dümmste Frage der Welt. »Natürlich ist es echt!«, hatte sie geantwortet, während sie spielerisch eine Strähne um den Finger wickelte. »Das ist mein Markenzeichen, ihr Süßen.« Doch dann war es passiert. Eine Nachricht tauchte auf, fett, blinkend, brutal. »LÜGE! Ich habe Beweise!« Zwei Minuten später war Twitter explodiert.
Ein anonymer Account hatte Bilder gepostet – keine normalen Paparazzi-Fotos, sondern Aufnahmen aus dem Inneren des Turms. Fotos von Haarteilen. Von Clips. Von Strähnen, die offensichtlich nicht gewachsen, sondern angebracht worden waren.
Und das Schlimmste? Ein Bild von Rapunzel mit kürzerem Haar. Nicht radikal kurz, aber weit entfernt von der meterlangen, ikonischen Mähne, die sie auf Instagram zur Schau stellte. Das Hashtag #RapunzelFake war in wenigen Minuten weltweit auf Platz eins. Die Leute rasten aus. »Also doch Extensions!« »Ihr ganzer Look ist eine Lüge!« »Wenn ihr Haar fake ist, was ist dann noch alles gelogen?!« Rapunzel konnte nur fassungslos zusehen, wie ihr Image in Echtzeit auseinanderfiel. Sie wusste, dass die Leute sich nicht wirklich um die Wahrheit scherten. Es ging ihnen nicht darum, ob sie nun 100 % natürlich oder mit ein bisschen Hilfe ihrer Stylistin nachgeholfen hatte. Es ging darum, dass sie eine Ikone war. Eine Legende. Und Legenden durften nicht menschlich sein. Die gleiche Community, die sie aufgebaut hatte, freute sich jetzt über ihren Fall. Memes wurden gepostet. Ein Video, in dem jemand demonstrierte, wie leicht man Perücken anbringen konnte, wurde millionenfach geteilt. Ein anderer Influencer – ein Typ mit perfekt geföhntem Haar und einem fiesen Grinsen – postete: »Ich wusste immer, dass Rapunzel nicht echt ist. Wahre Märchenfiguren brauchen keine Extensions.« Die Kommentare unter seinen Post? Explodierten. »HAHA, endlich jemand, der’s ausspricht!«
»Rapunzel gecancelt? I’m here for it.«
»Erzähl uns die Wahrheit, @Rapunzel!« »Das ist nicht dein Ernst.« Gothel saß in einem Sessel, perfekt gekleidet, mit einem Glas Rotwein in der Hand. Rapunzel funkelte sie an. »Du hättest mich warnen können!« »Warnen wovor? Dass die Leute heuchlerische Idioten sind? Dass sie Perfektion fordern und dann schockiert sind, wenn sie merken, dass niemand perfekt ist?« Gothel zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, das hättest du inzwischen selbst gelernt.« Rapunzel fuhr sich genervt durchs Haar. »Was machen wir jetzt?«
Gothel nahm einen Schluck Wein und musterte sie dann kühl. »Du hast drei Optionen.« Rapunzel hob eine Augenbraue. »Erstens«, begann Gothel, »du ignorierst es. Lässt es aussitzen. In zwei Wochen haben sie einen neuen Skandal, und du kannst mit einem tränenreichen Comeback-Video zurückkehren.«.»Nicht mein Stil«, knurrte Rapunzel..»Zweitens«, fuhr Gothel fort, »du drehst den Spieß um. Gib zu, dass du Extensions benutzt, aber mach es zu einer empowernden Botschaft. ‚Ich stehe zu mir, und jede Frau darf mit ihrem Aussehen machen, was sie will.‘ Feminismus verkauft sich immer gut.«
Rapunzel verzog das Gesicht. »Klingt… berechnend.«.»Natürlich.« Gothel zuckte die Schultern. »Oder…« Sie lehnte sich vor. »Drittens. Du drehst den Skandal auf Maximum.« Rapunzel runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?« Gothel lächelte kalt. »Sag, dass alles ein Test war. Eine soziale Studie. Sag, dass du die Märchenwelt auf ihre Besessenheit mit Perfektion testen wolltest. Sag, dass du absichtlich Extensions getragen hast, um zu beweisen, wie oberflächlich die Leute sind.«.Rapunzel starrte sie an..»Das ist wahnsinnig manipulativ.« »Willkommen im Showbusiness, Liebes.« Rapunzel nahm ihr Handy in die Hand. Tausende Nachrichten. Tausende wütende Kommentare. Aber auch Chancen. Sie dachte an all die anderen Influencerinnen, die für ihr Aussehen attackiert wurden. An all die Perfektion, die die Leute erwarteten – und dann selbst nicht ertrugen.
Vielleicht war es an der Zeit, dass sich etwas änderte. Sie öffnete Instagram Live. Atmete tief durch. Dann lächelte sie – aber diesmal wirklich echt. »Hey Leute. Lass uns über Perfektion reden.«
Hashtag #RealPunzel. Hashtag #MehrAlsMeinHaar.
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