Im Auge der Dunkelheit

»Nach dem letzten Angriff fühlte sich jede Nacht wie eine stille Warnung an. Die Schatten lauerten immer noch an den Rändern meiner Wahrnehmung, und ich wusste, dass die Jäger zurückkommen würden. Doch was mich mehr beunruhigte, war die Veränderung in mir.

Die Dunkelheit war nicht länger nur eine fremde Macht, die in mir wohnte. Sie war lebendig, ein Teil von mir – und sie flüsterte mir Dinge zu, die ich nicht immer verstehen konnte.

› Die Stimme der Dunkelheit

Während eines Trainings mit Nathan auf der Lichtung spürte ich, wie die Dunkelheit in mir wogte. Sie reagierte auf jeden meiner Befehle, doch es war, als hätte sie auch ihre eigene Stimme.

‚Konzentrier dich, Sophie,‘ sagte Nathan, während er zusah, wie ich eine Barriere aus Schatten formte.

Ich versuchte, mich zu fokussieren, doch plötzlich fühlte ich, wie die Dunkelheit aus mir hervorbrach, unkontrolliert und stärker als je zuvor. Die Schatten wuchsen, breiteten sich aus, und für einen Moment dachte ich, ich könnte sie nicht stoppen.

‚Sophie!‘ rief Nathan, als die Dunkelheit begann, die Lichtung zu verschlingen.

Ich schloss die Augen, atmete tief durch und zwang die Schatten zurück. Als ich sie schließlich wieder unter Kontrolle hatte, sah ich Nathan an, dessen Gesicht vor Sorge gezeichnet war.

‚Das war gefährlich,‘ sagte er. ‚Die Dunkelheit versucht, die Kontrolle zu übernehmen. Du musst lernen, stärker zu sein als sie.‘

‚Aber was, wenn sie zu stark ist?‘ fragte ich leise.

Nathan trat näher, seine Augen suchten die meinen. ‚Dann werde ich da sein, um dich zurückzuholen.‘

› Ein unerwarteter Verbündeter

An diesem Abend kehrte ich nach Hause zurück und fand Emma vor meiner Tür wartend. Ihr Gesichtsausdruck war ernst, und sie hielt ein altes Buch in der Hand.

‚Ich dachte, du könntest das gebrauchen,‘ sagte sie und reichte es mir.

‚Was ist das?‘ fragte ich und betrachtete das abgenutzte Cover.

‚Ich habe es in der Bibliothek gefunden. Es ist ein Buch über alte Legenden und dunkle Mächte. Es gibt einen Abschnitt über die Blackwoods.‘

Ich öffnete das Buch und blätterte durch die Seiten, bis ich auf eine Passage stieß, die meine Aufmerksamkeit erregte:

„Die Dunkelheit ist eine Kraft, die sowohl Segen als auch Fluch sein kann. Sie gibt Macht, doch sie fordert auch Tribut. Diejenigen, die sie tragen, müssen stark genug sein, sie zu beherrschen – oder sie riskieren, von ihr verschlungen zu werden.“

‚Das klingt beunruhigend,‘ sagte ich und sah zu Emma.

‚Das ist es auch,‘ antwortete sie. ‚Aber es gibt noch mehr.‘

Sie zeigte auf eine andere Passage:

„Die Jäger sind die Wächter des Gleichgewichts. Sie sehen die Dunkelheit als Bedrohung und werden alles tun, um sie zu vernichten. Doch nicht alle Jäger sind Feinde. Manche suchen die Wahrheit.“

› Ein Besuch bei Helena

Die Informationen aus dem Buch ließen mir keine Ruhe, also beschloss ich, mit Helena darüber zu sprechen. Ich fand sie im großen Salon des Blackwood-Anwesens, wo sie in einem Sessel saß und einen Tee trank.

‚Du hast Fragen,‘ sagte sie, ohne mich anzusehen.

‚Ja,‘ antwortete ich und setzte mich ihr gegenüber. ‚Emma hat ein Buch gefunden. Es spricht von der Dunkelheit – und von den Jägern. Aber es erwähnt auch, dass nicht alle Jäger Feinde sind.‘

Helena sah auf, ihre Augen durchbohrten mich. ‚Das ist wahr. Es gibt Jäger, die nicht von Zerstörung getrieben sind, sondern von Wissen. Doch sie sind selten. Und sie sind genauso gefährlich wie die anderen.‘

‚Warum?‘

‚Weil sie dich nicht töten wollen, Sophie. Sie wollen die Dunkelheit studieren. Sie wollen verstehen, wie sie funktioniert – selbst wenn das bedeutet, dich zu opfern.‘

Ein Schauer lief mir über den Rücken. ‚Und was sollen wir tun?‘

Helena lehnte sich zurück, ihr Gesicht war von einer unheimlichen Ruhe gezeichnet. ‚Du musst lernen, sie zu erkennen. Und wenn sie kommen, musst du bereit sein.‘

› Ein Zeichen in der Nacht

Später in dieser Nacht hörte ich erneut Schritte unter meinem Fenster. Doch dieses Mal waren sie anders – schwerer, vorsichtiger. Ich schlich zum Fenster und sah hinaus.

Im Schatten der Bäume stand eine Gestalt, doch es war keine Kreatur. Es war ein Mensch.

Die Gestalt hob den Kopf, und ich erkannte ein Gesicht, das mir fremd, aber auch vertraut vorkam. Es war ein Mann, vielleicht Mitte dreißig, mit scharfen Zügen und Augen, die im schwachen Licht glänzten.

Er sah direkt zu mir hinauf und sprach, obwohl ich seine Worte kaum hören konnte: ‚Du bist diejenige.‘

Dann drehte er sich um und verschwand im Wald, bevor ich etwas sagen konnte.

› Eine neue Bedrohung

Am nächsten Morgen erzählte ich Nathan von der Begegnung, und sein Gesicht wurde sofort ernst.

‚Das war kein Jäger, wie die, die uns angegriffen haben,‘ sagte er. ‚Das war etwas anderes.‘

‚Wer war er?‘ fragte ich.

Nathan schwieg lange, bevor er leise sagte: ‚Ich weiß es nicht. Aber wir müssen ihn finden, bevor er dich findet.‘

Ich wusste, dass die Schatten sich verdichteten, und dass etwas Großes auf uns zukam. Die Dunkelheit hatte mich gewählt, doch ich begann zu verstehen, dass ich nicht nur ein Träger ihrer Macht war. Ich war ein Ziel.«

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